In der Ausgabe der Zeitschrift „Sagenhafte Zeiten“ vom Dezember 2025 wurde in einem ausführlichen Artikel die Herkunft und Bedeutung der Geschichte vom Stern von Bethlehem beschrieben, wie sie in der Bibel im Matthäus-Evangelium überliefert ist und seit Generationen immer wieder zur Weihnachtszeit zitiert wird.
Mal abgesehen davon, dass ich sehr kritisch der Art und Weise gegenüberstehe, einzelne Passagen der Bibel absolut wörtlich und für bare Münze zu nehmen, während der Rest "nur" als eine nette Ansammlung von Legenden und Mythen betrachtet wird; so kann man meiner Ansicht nach zumindest eine der in dem Artikel aufgeworfenen Fragen recht einfach beantworten, nämlich die, wie denn die drei Heiligen aus dem Morgenlande (Matth. 2, 1-12) die weite Reise „in außergewöhnlich kurzer Zeit“ bewerkstelligen konnten. Nun, es steht ja nicht geschrieben, wann sie denn ihre Reise begonnen haben mögen; nicht auszuschließen wäre doch, dass sie bereits sehr viel früher das seltsame Licht am Himmel beobachteten, dem zu folgen sie dann beschlossen, so dass sie – vielleicht nach einer monatelangen (?) Reise – pünktlich zum Zeitpunkt des historischen Geburtsereignisses vor Ort eintrafen.
Wichtiger aber ist für mich die Frage, was genau denn eigentlich am Himmel zu sehen war, das die Gelehrten so beunruhigte, dass sie diese gefahrvolle Reise ins Ungewisse antraten: Nach Matthäus ein Stern, den sie im Morgenland sahen und den sie anbeten wollten.
Seit alters her ist es vor allem in der Seefahrt Brauch, sich auf hoher See nach den Sternen am Firmament zu orientieren. Insbesondere nachts, wenn es weit und breit keine Alternativen gibt, ist es die einzige Möglichkeit, einigermaßen die Richtung der Reise zu bestimmen. Dabei aber ist es natürlich jedem klar, dass die Sterne, die scheinbar bewegungslos am Himmel stehen, sich sehr wohl bewegen (das heißt, natürlich dreht sich die Erdkugel unter ihnen hinweg). Aber niemals hat je ein Seefahrer behauptet, dieser oder jener einzelne Stern hätte bewegungslos vor dem Schiff her geleuchtet und habe es direkt in den Bestimmungshafen gelotst. Wenn also die drei Weisen, die doch wohl als eine Art geistige Elite ihrer Zeit betrachtet werden dürfen, so etwas behaupten, dann muss man doch davon ausgehen, dass sie tatsächlich etwas beobachtet haben, das völlig anders ist als die Sterne, die Nacht für Nacht unverändert am Himmel stehen.
Hierfür wurden bereits viele natürliche Ursachen als mögliche Erklärung herangezogen, unter anderem beispielsweise eine Supernova, die zufällig gerade zu diesem Zeitpunkt zu sehen gewesen wäre; oder ein vorüberziehender Meteorit. Dies aber wären sicherlich Himmelserscheinungen, die ausgebildeten Beobachtern auch damals schon vergleichsweise leicht erklärbar hätten sein müssten; dies hätte wohl kaum eine weite Reise notwendig gemacht. Außerdem würden solche Besonderheiten natürlich ebenfalls der Himmelsmechanik folgen, also sich bewegen. Völlig absonderlich wird es aber an der Stelle, wo es heißt, der Stern sei über dem Stall von Bethlehem stehengeblieben. Spätestens dies ist mit natürlichen Phänomenen nicht mehr erklärbar. Wenn die Reisenden einem Stern gefolgt sind, dann würde dieser, sobald sie auch nur in die Nähe von Bethlehem kommen, am Horizont stehen wie alle anderen Sterne auch. Wie der Esel, der von der vor seinem Maul hängenden Möhre immer weiter gelockt wird, ohne sie je zu erreichen, würden die Gelehrten immer weiter und weiter reisen. Irgendetwas muss also an dieser Stelle plötzlich anders gewesen sein, so dass das Licht wie ein Suchscheinwerfer ausgerechnet auf einen kleinen, völlig unscheinbaren Stall hindeutet. Noch dazu haben die Reisenden keineswegs mit so etwas rechnen können, da sie ja der Überlieferung nach erwarteten, den König der Juden vorzufinden.
Wenn also ein helles Licht am Nachthimmel stand, das genau diesen Stall beleuchtete: müssten dann die Menschen in der näheren Umgebung dieses Licht nicht ebenfalls wahrgenommen haben? Wohlgemerkt zu einer Zeit, in der noch niemand auch nur daran gedacht hat, Illumination vom Himmel herab zu sehen.
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Ergänzung vom 28. Dezember 2025
Ich habe – das muss ich zugeben – tatsächlich sechzig Jahre benötigt, um endlich voll und ganz zu verstehen, dass es in der Bibel zwei Weihnachtsgeschichten gibt, die teilweise voneinander abweichen; nämlich die Evangelien nach Matthäus und nach Lukas. Wobei die letztere diejenige ist, die regelmäßig von Christen auf der ganzen Welt in Krippenspielen zitiert und nachgestellt wird; denn sie ist die eindeutig kinderfreundlichere Darstellung. Es ist immer wieder eine anrührende Szene, wenn kleine Kinder sich fleißig bemühen, sowohl die Hirten als auch eine Schafherde dazustellen. Der berühmte Stern von Bethlehem kommt allerdings bei Lukas gar nicht vor; die Hirten werden von Engeln nach Bethlehem geleitet mit einigen klaren Hinweisen, die aus heutiger Sicht ein wenig an die Kommandos eines Navigationsgeräts im Auto erinnern ("Sie haben Ihr Ziel erreicht").
Der Stern wird erwähnt bei Matthäus; er leitet die "Weisen aus dem Morgenlande" zum Ziel. Diese Version der Geschichte ist allerdings weniger kindgerecht; zum einen, weil Matthäus erwähnt, dass Joseph mit dem Gedanken spielte, seine Verlobte, deren Schwangerschaft er sich nicht erklären konnte, "heimlich zu verlassen"; zum anderen, weil König Herodes, nachdem er von den Weisen informiert worden war, aus Sorge um einen Machtverlust den Befehl gab, alle Kinder, die unter zwei Jahre alt waren, töten zu lassen. Dieser Teil der Geschichte ist nun wirklich nicht geeignet, um kleine Kinder in weihnachtliche Stimmung zu versetzen.
Damit das schöne Bild nicht gänzlich verlorengeht, wurde kurzerhand der Stern von Bethlehem umdisponiert; er macht sich nun viel malerischer auf so ziemlich jeder Krippendarstellung als Leitstern für die Hirten. Die "Weisen" oder "Könige" aus dem Morgenland (weder ihre genaue Herkunft noch ihr Status, nicht einmal ihre Anzahl wird explizit erwähnt), die dadurch am Heiligabend etwas zu kurz kommen, erhalten zum Ausgleich ihre eigene Show. Evangelische und katholische Christen feiern am 6. Januar den Dreikönigstag.






